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Wissen: Religiöses Trauma Syndrom


"Religiöses Trauma Syndrom - Einführung"

Wenn sich ein Mensch von einem religiösem Glauben trennt, in den er vielleicht sogar "hineingeboren" wurde, sieht er sich oft neben einer neugewonnenen Freiheit auch einer Fülle von Herausforderungen gegenüber. Oft ist das Gefühl übermächtig, dass alles in der Vergangenheit "falsch" war. Dass man selber eine völlig andere Entwicklung hatte als die Menschen um einen herum.

Manch einem wird bewusst, dass es Auswirkungen auf die Psyche hatte, wenn er lange Zeit mit der Überzeugung lebte, dass

  • "dass der Mensch in seinem Wesen von Natur aus schlecht und sündig ist"
  • "dass man nur durch die Güte eines Gottes vor einer ewigen Feuerhölle errettet werden kann"
  • "dass man sich dieser Rettung nie zu 100% sicher sein kann"
  • "dass Gedanken schon Sünde sein können"
  • "dass es sogar eine Sünde gibt, die nie vergeben werden kann - ohne dass genau beschrieben wird, wie diese Sünde aussieht"

Besonders, wenn ein Kind von seinen Eltern bereits in einem Glauben mit festen Normen und diesem Weltbild erzogen wird, bilden sich in der frühen Kindheit viele feste synaptische Verbindungen im Gehirn, die in dieser Zeit noch nicht „kritisch überprüft“ werden. Sie werden als „Tatsachen“ abgespeichert und durch das religiöse Umfeld über viele Jahre permanent bestätigt.

Es gibt Kinder, die diese Gedanken bereits als extrem belastend empfinden und daran erkranken. Andere erleben sie zunächst als "völlig normal" - sie wurden ja durch Familie, Freundeskreis und Vertrauenspersonen vermittelt, die der gleichen Überzeugung waren. In beiden Fällen kann es jedoch sein, dass die Nervenbahnen durch den ungesunden Dauerstress so stark belastet werden, dass sich eine traumatische Situation entwickelt

Definition

Das „Religiöse Trauma Syndrom“ (RTS) ist eine Ansammlung von Symptomen, die jemand als Folge extrem belastender, religiöser Erfahrungen erlebt hat - und das unabhängig vom Zeitpunkt dieser Erfahrungen:

  • Während der Zeit in einer Religionsgemeinschaft, wenn z.B. Aussagen über eine "unvergebbare" Sünde eine permanente Angstsituation hervorrufen.
  • Zu der Zeit, wenn z.B. ein Glaube gerade "zerbricht" oder "in sich zusammenfällt", und der Mensch nun auch keine gewohnte (und positiv erlebte) Vergebung der Schuld mehr "erfährt": Es gibt Menschen, die erleben ihren Glauben sehr positiv und trennen sich z.B. nach einer erlebten Enttäuschung von Gott. Wenn man "Sünde und Vergebung" aber als ein zusammengehöriges Paar erlebt hat, bricht mit dem Glauben auch die Vergebung weg. Es findet jetzt keine „gewohnte“ Entspannung mehr statt, mit der sich das Nervensystem wieder stabilisieren könnte.
  • In der Zeit nach einem Glauben, wenn der Verstand zwar eine klare Position bezogen hat, aber die Ungewissheit über einen möglichen fatalen Fehler wieder die permanente Angstsituation hervorruft.

2 Missverständnisse

Der Begriff "Trauma" an sich

Der Trauma-Begriff wird oft missverstanden: Oft verbinden wir damit nur das bekanntere „Schock-Trauma“ - also das Ergebnis eines abgegrenzten, relativ kurzen Erlebnisses wie z.B. einer Vergewaltigung oder eines sexuellen Missbrauchs, in der die Psyche des Menschen über ein erträgliches Maß belastet wird.

Daneben gibt es jedoch auch ein Entwicklungstrauma. Dieses entwickelt sich entweder in der frühen Kindheit, oder wenn ein Mensch über einen langen Zeitraum etwas erlebt, welches ihn über die für ihn erträglichen Maße belastet. 

Viele Menschen mit einem Religiösem Trauma Syndrom erleben genau dieses Entwicklungstrauma.

"Das gibt´s ja nur in Sekten"

Religion an sich wird heute als "überwiegend" und "irgendwie" positiv definiert. Jeder kann ja glauben, was er will.

Es fehlt grundsätzlich das Verständnis, dass manche Menschen durch Religion wirklich geschädigt werden können. Entweder, jemand hat etwas völlig falsch verstanden oder er wurde durch eine Art "Gehirnwäsche" geschädigt.

Dass so etwas in einer Sekte passieren kann oder durch Gewalt in der Familie, ist oft der einzige Ausweg für die eigene Vorstellungskraft. Es ist auffällig, dass "wir" als Gesellschaft fast froh sind, wenn wir dieses Thema einer absoluten Randgruppe zuordnen können.

Symptome

Der Begriff „Religious Trauma Syndrom“ stammt von Marlene Winell (USA) aus dem Jahr 2011. Aber obwohl damit gerechnet wird, dass jedes Jahr Millionen von Menschen von RTS betroffen sind, sind die Probleme bisher (Stand 2021) leider nicht in die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) aufgenommen worden.  

Die Symptome eines RTS ähneln dabei oft einer Posttraumatischen-Belastungsstörung (PTBS, oder auch die aus der englischen Bezeichnung Post-traumatic Stress Disorder stammende Abkürzung PTSD).

Marlene Winell beschreibt unter anderem auf ihrer Seite journeyfree.org 4 Symptome (oder Herausforderungen), mit denen sich ein Aussteiger konfrontiert sieht:

Religioeses-Trauma-Syndrom-Symptome
  • Kognitiv: Verwirrung, schlechte Fähigkeit zum kritischen Denken, negative Überzeugungen über Selbstfähigkeit und Selbstwert, Schwarz-Weiß-Denken, Perfektionismus, Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung
  • Sozial: Verlust des sozialen Netzwerks, Zerrüttung der Familie, soziale Unbeholfenheit, sexuelle Schwierigkeiten, verspätete soziale Entwicklungen
  • Kulturell: Unvertrautheit mit der säkularen Welt; „Fisch aus dem Wasser“-Gefühle, Zugehörigkeitsschwierigkeiten, Informationslücken (z.B. Evolution, moderne Kunst, Musik)
  • Emotional: Depression, Angst, Wut, Trauer, Einsamkeit, Scham, Schwierigkeiten Freude zu empfinden, Bedeutungsverlust, Sinnverlust, die Erfahrung, (selbst von Therapeuten) kein Verständnis zu erhalten oder häufig auch die Überzeugung, dass Hilfe gar nicht möglich ist

Und es gibt extreme Fälle in Form von seelischem und sexuellem Kindesmissbrauch, Gewalt jeder Art, Selbstmord, Mord und Vergewaltigung.

Warum ist man mit einem Religiösem Trauma Syndrom so allein?

Religion ist in unserer Gesellschaft ein kostbares Kulturgut und ein hoch angesehenes Wertesystem, welches anderen Menschen Halt gibt. Religionslose Menschen können nicht verstehen, warum man Probleme bekommen kann, wenn man nicht an Gott glaubt und religiöse Menschen können nicht verstehen, warum man nicht einfach zu Gott zurückkommt. Oft begegnet man auch den Vorwurf, man habe „nicht richtig“ geglaubt, oder nicht „den wahren Gott“ kennengelernt, womit nicht nur die Gegenwart, sondern auch noch die Vergangenheit in Frage gestellt wird.

Religion hat in unserer Gesellschaft im allgemeinen auch keinen schlechten Ruf – bestenfalls wird sie ein wenig belächelt. Es ist aber tief in unserer Kultur verwurzelt, Religion zumindest einem höheren Stellenwert zu geben, wenn es um die Vermittlung von guten Werten bei unseren Kindern geht. „Du sollst nicht stehlen oder töten“, „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ gelten als Werte, die durch die christliche Religion in unsere Kultur gekommen sind. Und wahrscheinlich sagen auch die Mehrheit der unreligiösen Menschen, dass "ein wenig Religion sicher nicht schadet".

"Wir" glauben, religiös zu sein sei grundsätzlich gut, und wer dagegen ist, der müsse einfach etwas im Schilde führen. Bei religiös Uninteressierten sagt man bestenfalls „Soll doch jeder glauben, was er will“, bei Atheisten wittert man Angriffe auf das Gute im Menschen, gesellschaftliche Verrohung und Haftanstalten für Christen.


Für Menschen, die einen körperlichen Missbrauch erlebt haben, ist es die schlimmste Strafe, wenn andere eine Mitschuld vermuten – entweder öffentlich oder hinter vorgehaltener Hand. Menschen mit RTS sehen sich mit totalem Unverständnis ihrer Situation bezüglich konfrontiert, wenn sie das ganz normal Leben um sich herum betrachten – und oft wird aus der Gesellschaft eine Form von Mitschuld vermittelt:

  • Es ist für jedermann verständlich, dass jemand Probleme bekommen kann, der sexuell missbraucht wurde, und dass sexuelle Symbole alte Ängste triggern können. Gleichzeitig kommt aber niemand auf die Idee, dass christliche Symbole (Kreuze als Schmuck, auf Gipfeln, am Wegrand) eine ähnliche Reaktion bei einem Betroffenen hervorrufen.
  • Es gibt umfangreiche Bemühungen, dass Opfer von Gewalt oder Missbrauch mit höchster Sensibilität befragt werden, um das Leid nicht zu verschlimmern. RTS-Opfer sollen "bitte das Kind nicht mit dem Bad ausschütten"
  • Innerhalb der christlichen Gemeinschaft wird ein „Aussteiger“ ausgestoßen, geächtet oder als „vom Teufel verführt“ definiert. Depressionen und Ängste gelten als dämonische Angriffe oder als Ergebnis eines selbstsüchtigen Lebens. Persönliches Elend ist dann etwas, für das man selber die Schuld trägt. Hilfe wird es nur geben, wenn man um Vergebung bittet. Am besten öffentlich vor der Gemeinde.
  • In vielen Bereichen unserer Gesellschaft gelten religiöse Werte oder Gemeinschaften als Hilfe. Z.B. für Alkohol- oder Drogen-Abhängige, in Trauerfällen, in Krankheitsfällen, oder bei allgemeinen Problemen durch die Seelsorge. Fachleute aus der Medizin und der Psychotherapie gehen davon aus, dass Religion an sich eine heilsame Wirkung hat. Ein RTS-Betroffener sieht, dass das, was ihm das Leben kaputt macht, anderen hilft. Wieder liegt eine Schuld beim Opfer.
  • Aussteiger aus Religionsgemeinschaften beschreiben in Foren, in Social Media und in Büchern von ihrem Ausstieg und einer neuen Freiheit, die sie nun durch eine neue Interpretation der Bibel gefunden haben. Sie kennen jetzt den "richtigen Weg" oder den "richtigen Gott". Der RTS-Betroffene hat also wieder etwas „nur falsch verstanden“
  • Die Taten von Gewalt-Verbrechern werden auf´s schärfste verurteilt. Die Taten innerhalb einer Religion werden an Feiertagen gefeiert.
  • Missbrauchsopfer „normaler Kategorie“ sehen ihr eigenes Leid als wesentlich Schlimmer an – und der RTS-Betroffene kann dem nichts entgegensetzten, ohne sich zu tiefst zu schämen. Und er lebt still mit seiner Angst weiter, nach seinem Tod für immer in einer Feuerhölle gequält zu werden – ohne Aussicht auf ein Ende!
  • Wer als Kind in einer Familie mit häuslicher Gewalt aufgewachsen ist, erhält Mitleid und häufig auch Hilfe aus der Gesellschaft. Ganze Organisationen haben sich darauf spezialisiert. Ein Mensch, der Jahrzehnte unter den Folgen einer Religion leidet, wird belächelt wie jemand, der noch Angst vor dem Weihnachtsmann hat
  • Therapeuten sind mit RTS häufig überfordert, allein aufgrund fehlenden Wissens. Es ist nicht selten, wenn Patienten zu einer Anlaufstelle innerhalb der Kirche geschickt werden. Ebenfalls nicht selten ist der Therapeut selber Christ oder hat zumindest eine positive Haltung zu religiösen Werten und will den Patienten ermutigen, zum Glauben zurück zu finden. Für den Patienten ist das ähnlich einer Rückführung zu einer gewaltbereiten Familie.
  • Religiöse Kreise bieten aktiv eigene Beratung für Aussteiger aus fundamentalistischen Sekten oder Freikirchen an, ohne überhaupt die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass der Glaube, der ihnen selber den Halt gibt, für den RTS-Betroffenen die eigentliche Qual ist.
  • Wenn die Gesellschaft von Missbrauchsopfern hört, hört sie hin – wenn sie von den Problemen eines RTS-Betroffenen hört, zuckt sie mit den Schultern, weil Religion doch nicht wirklich schlecht ist.

Zusammenfassend wird der RTS-Betroffene mit einer Welt konfrontiert, die im besten Fall über seinen „Fall“ lächelt und sein Leid als unbedeutend abtut - in den meisten Fällen jedoch werden zusätzlich weitere Schuld- und Schamgefühle vermittelt.

Folgeprobleme

Die oben aufgeführten Probleme sind für einen Menschen mit RTS nicht ermutigend und führen häufig dazu, die religiöse Vergangenheit soweit wie möglich geheim zu halten oder für seine direkte Umgebung „umzuschreiben“. Oft wird schon gar nicht versucht, sich anderen Menschen gegenüber anzuvertrauen, weil schlich der Glaube fehlt, jemand anderes könnte auch nur ansatzweise helfen.
Was bleibt, sind scheinbar unlösbare Probleme, die nach eigenem Befinden wohl ein ganzes Leben anhalten werden oder sich gegen Lebensende sogar noch verstärken werden:

Angst vor der Hölle

Das Gefühl, verraten worden zu sein

siehe Blog-Artikel zum Thema

Schwierigkeiten, dem eigenen Intellekt oder der inneren Stimme zu vertrauen

Über lange Zeit wurde die innere Stimme entweder als von Gott oder vom Teufel beeinflusst angesehen. Man war angehalten, der inneren Stimme immer ein wenig zu misstrauen. Ebenso war der Intellekt etwas, was oft gegen den Glauben arbeitete. Gott läßt sich eben nicht mit dem Verstand erklären und so werden wissenschaftliche, kulturelle und philosophische Überlegungen und Beweise erst einmal biblisch überprüft – entweder durch Pfarrer, Pastor, Älteste, … oder auch durch im Selbststudium erworbene Filter.

Schwierigkeiten, neue Bindungen einzugehen

Im Normalfall suchen sich Menschen neue soziale Kontakte so aus, dass sie anfangs einfache Sicherheitskriterien „abklopfen“. Erst im Anschluss wird Vertrauen aufgebaut. Menschen mit einer traumatischen Vergangenheit drehen diese Vorgehensweise oft um. Es ist dann vergleichbar mit der in einer Ehe missbrauchten Frau, die immer wieder in eine ähnliche Beziehung „rutscht“.

Weitere Probleme, die oft gar nicht mehr gesehen werden

  • „weltliche“ Autoritäten anzuerkennen, da sie bisher nie relevant waren (z.B. weil die Welt sowieso bald „untergehen“ wird)
  • „weltlichen“ Freunden zu vertrauen
  • Vertrauen auf eigene Stärken 
  • Schwierigkeiten, Gemeinsamkeiten mit anderen zu finden, da man eine ganz andere Kindheit hatte: keine gleichen „Oldies“, keine „Dummheiten“ aus der Teenagerzeit, kein Ausprobieren der Sexualität, keine „durchzechten“ Nächte
  • „weltlichen“ Autoritäten blind zu vertrauen, weil ein selbstbewusstes Denken und Auftreten nie erlernt wurde
  • sich ausgelassen am Leben zu erfreuen (Tanzen, Smaltalk)
  • Fehlende Fähigkeit, ein neues soziales Umfeld aufzubauen
  • finanzielles Vorsorgen
  • Übernahme von Verantwortung – auch für das eigene Leben

Weitere Infos

Natalie Barth spricht auf Ihrem Youtube-Chanel über das Religiöse Trauma Syndrom.