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  • Wie gehe ich mit Christen um, die sich wieder einmischen wollen?

Vor ein paar Tagen habe ich eine Umfrage auf Instagram gestartet: „Welche Bemerkungen oder Fragen kennt ihr, die euch noch lange beschäftigen“ – und der Bezug ist die Situation, wenn sich Christen wieder einmischen.

An alle, die mitgemacht haben: Erst einmal vielen vielen Dank für das Teilen der „Bemerkungen“, die ihr erlebt habt. Ich habe sie alle (bis auf die vielen doppelten) unten gelistet. Vielleicht geht es euch beim Lesen wie mir und ihr seid zum einen erschüttert, wie viele wir davon kennen und zum anderen auch ein wenig irritiert, wie sehr sich die Bemerkungen doch ähneln…

Ich möchte die Frage oben unter dem Aspekt beantworten, was uns auf unserem Weg eher hilft oder eher schadet – denn ich bin überzeugt, dass dieser Punkt zu einem der wesentlichen „Störfaktoren“ auf dem Weg zur Heilung gehört.

Wir sprechen ja (in der Regel) nicht von einer freundlichen Frage eines wirklich interessierten Freundes. Es sind ja eher Bemerkungen am Rande, kleine Stiche oder auch klare Vorwürfe in der Form von „Wie konntest du nur…“.

Und sowohl der Gesichtsausdruck als auch die Stimme transportieren dabei die klare Sprache: „Du hast etwas schlimmes getan“ oder einfach „Du bist falsch“.

  • Es triggert das Gefühl des Ausgeschlossensein aus der alten Gemeinschaft. Wenn wir es aus der Sicht der Evolution betrachten wollen, gehört das zu dem Schlimmsten, was einem Menschen passieren kann
  • Es triggert meine alten (geprägten) Gedankengänge, von denen ich mich eigentlich trennen will. Und leider ist es so, dass diese durch die „Nutzung“ sogar wieder verstärkt werden
  • Es triggert das Gefühl der Unsicherheit, weil ich vieles selber noch nicht sicher in Worte fassen kann
  • Es triggert meine Angst vor einer Hölle, weil es letzte Sicherheit nicht gibt und ich vielleicht doch etwas falsch gemacht habe
  • Und es attackiert mein Selbstwertgefühl, weil ich nicht die richtigen Worte finde

Was daran so gefährlich ist: ALLE diese Punkte verstärken die Eigenschaft des religiösen Traumas, dass mein Körper permanent eine aktuelle Gefahr verspürt. Für meinen Heilungsprozess ist eine solche Situation pures Gift und mein Körper leidet oft noch lange darunter: Es rumort, lässt mich nicht los, ich bin angespannt, fühle mich falsch, leer oder ohnmächtig.

Meine Lehre daraus: Wenn uns unser Körper diese Signale gibt, ist Selbstschutz oberstes Prinzip!

Nur: Wir haben es leider nicht immer unter Kontrolle, welchen Menschen wir begegnen. Und auch wenn in manchen Fällen eine Trennung vielleicht die beste Lösung wäre, ist dies nicht immer möglich. UND: ich will auch nicht immer auf der Flucht sein!!!

Daher hab ich ein paar Möglichkeiten aufgeschrieben, wie man in solchen Situationen reagieren kann. Wie man „elegant“ anfangen kann, eine Grenze zu ziehen, ohne sich auf das Niveau des anderen herabzulassen. Für den einen sind es vielleicht Beispiele oder Ideen, die man noch auf die Situation oder auch die eigene Person anpassen muss. Für den anderen sind es Sätze, die man Wort für Wort auswendig lernt. Womit man sich vor den Spiegel stellt, um zusätzlich sowohl Stimme als auch eine freundlich-überzeugende Haltung einzutrainieren. Das mag sich etwas ungewöhnlich anfühlen, aber unser Gehirn lernt auf diese Weise schon sein ganzes Leben. Und seien wir ehrlich: Es ist ja auch eine etwas „ungewöhnliche“ Situation…

 

Situation A: Wenn eine ehrliche Besorgnis vermuten, und wenn wir uns auf ein Gespräch einlassen wollen:

Hier können wir positiv reagieren, indem wir mitteilen, dass wir die Besorgnis sehen – und sie auch verstehen können. Dann können wir freundlich fragen, ob wir auf beiden Seite eine Bereitschaft zu einem Verständnis mitbringen wollen, vielleicht in der Form: „Wenn ich dich richtig verstehe, bist du besorgt bei dem, was du bei mir siehst. Es ist sogar so, dass ich diese Besorgnis verstehe. Ich weiß, dass ist nicht selbstverständlich – aber glaubst du, dass wir beide diese Bereitschaft zum Verstehen aufbringen können?“ [Punkt. Nicht mehr. Freundlichen Augenkontakt halten].
Durch diese Art von (Rück-)Fragen ändert sich die Position in der Gesprächsführung Und wir können gleichzeitig bereits abschätzen, wie sich das Gespräch entwickeln wird.

Da ein Gläubiger auf etwas baut, was er erfahren hat, kann man jetzt z.B. von den eigenen widersprüchlichen Erfahrungen erzählen, die man erlebt hat. Und wir können das Gespräch auf ein Themengebiet lenken, in dem wir etwas sicherer sind. Wenn wir zudem unsere Argumentation in der Form von „Weißt du, ich kann vieles, was in mir gerade passiert, selber noch nicht vollständig verstehen. Ich habe mich aber so entschieden, weil“ aufbauen, helfen wir dem anderen, zu einer Form von Verständnis zu finden.

Situation B: Wenn wir jedoch eher angegriffen werden:

Sei es frontal oder auch nur durch kleine Bemerkungen am Rande: Wir sollten „nicht mit einem Messer in einer Schießerei“ stehen.
Bedeutet: Wir sollten gewinnen können!

Dafür brauchen wir Worte, um die Situation elegant zu beenden. Und das ist gar nicht so unmöglich: Vielleicht findest du 20 Bemerkungen, mit denen du konfrontiert wirst. ABER: wahrscheinlich brauchst du nur 5 – 10 Antworten, die du jeweils noch ein wenig anpassen musst. Es macht Sinn, sich alle Bemerkungen einmal aufzuschreiben, sie zu bündeln und sich dann jeweils eine Reaktion zu überlegen, mit der du elegant reagieren kannst.

Das kann dann wie folgt aussehen:

  • Du hast ja noch nie wirklich geglaubt“
    • „Ich sehe das anders – aber das wirst du wahrscheinlich nicht wirklich glauben können – richtig?“
  • Dann wird das jetzt wohl dein Weg sein“
    • „Ja, ich denke, dieser Herausforderung müssen wir uns alle im Leben stellen und ich freue mich auf wirklich alle neuen Erfahrungen, die ich jetzt machen werde.“
  • Der Weg in die Verdammnis ist breit“
    • „Das verstehe ich nicht: Momentan erlebe ich meinen Weg als extrem schmal und schwer“
  • Aber du hast doch früher … erlebt“:
    • Ja, und gleichzeitig habe ich erlebt, wie mir der Gedanke … geschadet hat“
    • Oder, wenn du z.B. Tinnitus hast: „Ja, habe ich. Aber unsere Erlebnisse können uns täuschen: Ich erlebe auch jeden Tag meinen Tinnitus – obwohl es diesen Ton nicht gibt.“
  • Siehst du nicht, dass das der Teufel macht?“
    • „Nein – Ich sehe gerade jemanden, der große Ängste vor etwas hat, was ihm andere von Kindheit an erzählt haben“

Oder „generelle“ Antworten, die auf viele Bemerkungen passen können:

  • Ich finde es toll, wie du dich innerhalb der Gemeinde engagierst – aber ich bin nicht mehr Teil dieser Gemeinde.“
  • Das mag für deine Sicht und dein Weltbild völlig richtig sein – aber ich habe eine ganz andere Sicht auf die Dinge.“
  • Was ist deine Erfahrung damit, wenn man dir Vorwürfe macht? In der Regel führt so etwas zu einem Streit. Ist es das, was du willst?“

Etwas mehr Übung (ggf. auch Vorbereitung) benötigt man für eine sehr „smarte“ Antwort mit einem „Refraiming“. Man nimmt dabei ein Wort aus der Bemerkung des anderen, deutet es um und bestätigt es dann.
Das könnte dann so aussehen:

  • „„Dann hast du nie richtig geglaubt, sonst wärst du jetzt nicht so“
    • „Wenn du mit ‚richtig glauben‘ meinst, dass nur das, was du glaubst, richtig sein kann, dann stimme ich dir voll zu“

Je besser du die typischen Bemerkungen identifiziert hast, desto besser kannst du dir eine Antwort (vielleicht mit einem kleinen Wortspiel) überlegen.

Wenn es dir gelingt, eine solche Situation elegant zu beenden, passiert ein kleines Wunder:

  • du stehst nicht mehr als Opfer da
  • du erhältst ein wunderbares Gefühl von Macht
  • du fühlst eine Form von Stärke, weil du eine Grenze gezogen hast

Es ist, als wenn du jetzt ein Schild auf deiner Stirn hast: „Mich darf man nicht mehr schlagen“.
Mag sein, dass es am Anfang nur ein kleines Schild ist – aber es wird größer und größer. Und andere akzeptieren das, ohne dass sie groß darüber nachdenken – auch so „ticken“ wir Menschen…

 

Mach aus deinem Leben ein Meisterwerk,

Folgende „Bemerkungen“ wurden in der Umfage gepostet (vielen dank dafür!!!):

  • „Du warst doch immer so gläubig“
  • „Jesus wartet auf dich“
  • „Ich wünsche dir, dass du den Weg zurück findest“
  • „Dann wird das jetzt wohl dein Weg sein“
  • „Wie kannst du nur?“
  • „Du warst ja nie richtig gläubig“
  • „Dann hast du nie richtig geglaubt, sonst wärst du jetzt nicht so“
  • „Siehst du nicht, dass das der Teufel ist???“
  • „Ich wusste, dass deine Frau/dein Mann dich vom guten Weg abbringen wird“
  • „Jesus liebt dich auch jetzt noch“
  • „Siehst du nicht, dass das der Teufel macht“
  • „Du weiß doch, dass dies die Wahrheit ist“
  • „Wir hatten ganz andere Vorstellungen davon, wie dein Lebensweg sein wird“
  • „Aber du hast doch früher … erlebt“
  • „Ja, typisch, du hast Jehova noch nie geliebt.“
  • „Gott hat einen Plan für deinen Lebensabschnitt“
  • „Du weißt doch, dass das die Wahrheit ist, du bist darin aufgewachsen“
  • „Dann hat dein Glaube die Prüfung nicht bestanden“
  • „Gott ist immer bei dir“
  • „Gib doch Jehova eine Chance“
  • „Ihr braucht eine Gemeinde als Familie, sonst gehen die Kinder verloren“
  • „Wir haben soviel für dich getan“
  • „Reiß dich vom Teufel los“
  • „Ich bete für dich“
  • „Der Weg in die Verdammnis ist breit“
  • „Man sieht sich gar nicht mehr“
  • „Ich schäme mich vor Gott wegen dir“
  • „Irgendwann wirst du zu Gott zurückkommen“
  • „Du hast dich für diesen Weg entschieden und der Herr läßt dich gehen“

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